"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

Einführungsvortrag

Sonntag, 19.09.2021, 19-20 Uhr

Einführungsvortrag
Vom „nervösen Schrecken der Heimatlosigkeit“: Thomas Manns „Leiden an Deutschland“ im Exil
Prof. Dr. Irmela von der Lühe (Berlin)

Dem Anraten der Kinder und naher Freunde war zuzuschreiben, dass Thomas Mann von einer Vortrags- und Erholungsreise im Februar 1933 nicht nach München zurückkehrte. Bis zum Februar 1936 sollte es dauern, bis er sich zu einer öffentlichen Erklärung gegen das nationalsozialistische Regime und für die Emigration durchringen konnte. Vor allem der große „Bonner Brief“ bringt es auf eine berühmt gewordene Formel: Er fühle sich nicht zum „Märtyrer“, sondern zum „Repräsentanten“ geboren, verstehe sich nicht als jemand, der den Streit der Parteien und Meinungen weiter anheize, sondern ein wenig „höhere Heiterkeit“ in die Welt bringe.

Trotz vergleichbar komfortabler Lebensumstände in der Schweiz, in Princeton und schließlich im kalifornischen Pacific Palisades, trotz beeindruckender literarischer und essayistischer Produktivität (die Joseph-Tetralogie wurde 1943 fertiggestellt; Lotte in Weimar erschien 1939, Doktor Faustus 1947, Der Erwählte 1951) und trotz hoher öffentlicher Anerkennung vor allem in Amerika hat Thomas Mann sein fast zwanzigjähriges Exil niemals als eine für ihn angemessene Lebensform empfunden.

Buchstäblich und metaphorisch sah sich Thomas Mann durch das Exil einem gleich doppelten „Leiden“ ausgesetzt: Tagebücher und Briefe vermitteln einen lebhaften Eindruck von den physischen und mentalen Symptomen, die die „Austreibung“ in Thomas Mann ausgelöst hatte. Denn zum „Schrecken der Heimatlosigkeit“ kam das „Leiden an Deutschland“; für beides fand Thomas Mann originäre Formen und Bilder. Sein Entsetzen über eine mit Hitler an die Macht gelangte „romantische Barbarei“ formulierte Thomas Mann in Essays (Bruder Hitler, 1938) und Reden mit literarisch-analytischer Präzision. Er konnte und wollte dem von ihm höhnisch-präzise verachteten Regime nicht zubilligen, ihm seine Zugehörigkeit zu „Deutschland und den Deutschen“ streitig zu machen.

Anhand der wichtigsten literarischen und essayistischen Werke Thomas Manns möchte der Vortrag die werk- und zeitgeschichtliche, aber auch die biografisch-existenzielle Bedeutung rekonstruieren, die das fast zwanzigjährige Exil für Thomas Mann hatte.

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938–1952. Frankfurt/M. 2011;
Irmela von der Lühe: Erika Mann. Eine Lebensgeschichte. Reinbek 2009.


Prof. Dr. Irmela von der Lühe
(Foto: Manja Hermann) war bis 2012 Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und ist seither Senior Advisor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Sie hat zahlreiche Aufsätze über Thomas Mann und die Mann-Familie veröffentlicht; als Biographin Erika Manns hat sie die Ausstellung Erika Mann – Kabarettistin, Kriegsreporterin, politische Rednerin kuratiert.

 

 

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