"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

"I am an American!"

Donnerstag, 23.09.2021, 19-20.30 Uhr

Sektion I: Positionen im europäischen und amerikanischen Exil

„I am an American!“ – Thomas Manns und die amerikanische Demokratie
Prof. Dr. Tobias Boes (Notre Dame, IN/USA)

Thomas Manns Vortrag „Vom kommenden Sieg der Demokratie” – der wohl wichtigste Text, den er für ein explizit amerikanisches Publikum geschrieben hat – beginnt mit dem Zugeständnis eines Exilanten an die Nation, die ihm Asyl gewährt hat: „Wie ein Mann, der Eulen nach Athen trägt, komme ich mir ein wenig vor, da ich mich anschicke, in Amerika über Demokratie zu sprechen. Es sieht aus, als wüsste ich nicht, dass ich mich im klassischen Land der Demokratie befinde…“ Diese Worte haben dann auch das Bild, das wir uns von Manns Einstellung zur amerikanischen Gesellschaftsordnung machen, bis in die jetzige Zeit geprägt. Der Autor habe die demokratische Verfassung seiner Wahlheimat stets eher unkritisch geschätzt, sich insbesondere im Gespräch mit seinen deutschen Landesgenossen auch ostentativ mit ihren Grundsätzen identifiziert.

Die Wirklichkeit sieht allerdings komplizierter aus. Wer ein wenig genauer hinsieht, erkennt schnell, dass Mann auch in der Lage war, Kritik an der amerikanischen Demokratie zu üben und Änderungsvorschläge zu unterbreiten. Am deutlichsten wird dies wohl im Radiotext „I am an American“, der im Mai 1940 von der National Broadcasting Company (NBC) ausgestrahlt wurde. Es handelt sich dabei um ein Interview mit dem Politikwissenschaftler und Staatssekretär im Arbeitsministerium Marshall Dimock. Obwohl es Dimocks eigentliche Aufgabe war, Mann werbeträchtige Treuebekundungen zur amerikanischen Demokratie zu entlocken, weicht sein Gesprächspartner immer wieder von der vorgegebenen Linie ab. Er erklärt nicht nur, dass sich der amerikanische Freiheitsbegriff wandeln müsse, sondern stellt auch die Hypothese auf, dass Amerika einiges von der Propagandakunst des Totalitarismus zu lernen habe.

Ausgehend von diesem bislang kaum untersuchten Text werde ich versuchen, ein neues Bild von Thomas Manns Beziehung zur amerikanischen Gesellschaftsordnung zu entwerfen und dieses insbesondere auch im weiteren Kontext amerikanischer Demokratiedebatten in der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu situieren.

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
„Vom kommenden Sieg der Demokratie,“ in GW XI, 910-940
„I am an American,“ in GW XIII, 706-714
Link zur Audiodatei des Radiointerviews

 

Prof. Dr. Tobias Boes (Notre Dame, IN/USA) ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana, wo er außerdem das Department of German and Russian Languages and Literatures leitet. 2019 erschien von ihm das Buch Thomas Mann’s War: Literature, Politics, and the World Republic of Letters, das im Oktober 2021 bei Wallstein als Thomas Manns Krieg in deutscher Übersetzung veröffentlicht werden wird.

Seitenanfang