"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

Wie sprechen?

Donnerstag, 23.09.2021, 19-20.30 Uhr

Sektion I: Positionen im europäischen und amerikanischen Exil

Wie sprechen? Die Familie Mann im Zürcher Exil
Prof. Dr. Ursula Amrein (Zürich/Schweiz)

Mit Blick auf den Exilbeginn in Zürich spricht Erika Mann von der „Qual des unvermittelbaren Wissens“. Wie lässt sich das schockhaft Erlebte mitteilen? Und was überhaupt ist sagbar unter den Bedingungen des Exils?

Solche Fragen treiben mit Erika Mann auch ihren Vater und den Bruder um. Doch während die Geschwister Erika und Klaus die direkte Konfrontation mit dem Hitlerregime nicht scheuen, schweigt Thomas Mann beharrlich. Die Vertreibung aus München erlebt er als „schweren Stil- und Schicksalsfehler“, er will sich nicht als Betroffener äußern, sich von den Nationalsozialisten nicht in das „Märtyrertum“, die Rolle des Emigranten und des Opfers drängen lassen. Familienintern und politisch ist diese Konstellation brisant. 1936 kommt es zum Eklat. Thomas Mann bekennt sich offen zum Exil.

Mit der Rekonstruktion der skizzierten Sprechpositionen beleuchtet der Vortrag nicht allein das innerfamiliale Konfliktpotenzial im Umgang mit dem „Dritten Reich“, sondern zeigt auch, wie sich in der Familie Mann exemplarisch die begrenzten Äußerungsmöglichkeiten im Exil spiegeln.

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
Erika Mann: Zehn Millionen Kinder. Erziehung der Jugend im Dritten Reich. Mit einem Geleitwort von Thomas Mann, Reinbek: Rowohlt 1997
Katia Mann: Meine ungeschriebenen Memoiren. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1974
Ursula Amrein: Was heißt „deutsche Literatur“ nach 1933? Kontroversen um Thomas Mann und Hermann Hesse. In: Thomas Mann Jahrbuch 31 (2018), 185–197

Prof. Dr. Ursula Amrein ist Professorin für neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Exilliteratur sowie die Literatur- und Theatergeschichte der Schweiz in ihren transnationalen Zusammenhängen. Sie ist Vizepräsidentin der Thomas Mann-Gesellschaft Zürich. Buchpublikationen (Auswahl): irritation | theater. Max Frisch und das Schauspielhaus Zürich (2013), Dada. Performance & Programme (Mithg., 2017), Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung (2. Aufl. 2018).

 

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