"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

"Der Erwählte"

Freitag, 24.09.2021, 16.30-18 Uhr

Sektion II: Unsichere Identitäten

Der Erwählte als Roman der Westbindung
Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering (Göttingen)

Die Distanz zur Gegenwart, die Thomas Manns Legendenroman so nachdrücklich betont, lässt seine so diskreten wie grundsätzlichen Zeitbezüge leicht übersehen. Nicht nur mit der Grundfrage nach Sünde und Gnade, sondern auch im Spiel mit den Sprachen, Diskursen und Schauplätzen eröffnet Der Erwählte eine gleichermaßen christliche und humanistische Perspektive für ein versöhntes Nachkriegseuropa – ein Versuch, der in der deutschen Literaturkritik keineswegs nur auf Gegenliebe stieß. Ausgerechnet Der Erwählte wurde weithin mit einem Hass aufgenommen, der ausgerechnet Thomas Mann als Zerstörer des abendländischen Erbes, ja als Vollender von Hitlers Vernichtungswerk brandmarken sollte. Der Vorwurf galt namentlich den humoristischen Experimenten, die Thomas Manns Erzählung zwischen den Nationalsprachen unternahm: solcher „Sprachsalat“ hätte lieber ungedruckt bleiben sollen. Konzeption wie Rezeption des Erwählten bündeln so noch einmal wesentliche politische Wirkungsabsichten des Exilanten Thomas Mann ebenso wie wesentliche Stereotype der nationalistischen Abwehr.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering, geb. 1959, ist Mitherausgeber der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns, in der er 2021 mit Maren Ermisch den Erwählten herausgab und kommentierte, und Verfasser mehrerer Bücher über den Autor (zuletzt Das Meer meiner Kindheit. Thomas Manns Lübecker Dämonen, 2016).

Seitenanfang