"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

"Indische Legende"

Freitag, 24.09.2021, 19-20.30 Uhr

Sektion III: Große Erzählungen zwischen den Jahren 1933 und 1947

Die Indische Legende Thomas Manns in neuem Licht
Prof. Dr. Hans Rudolf Vaget (Northampton, MA/USA)

Es geht um die Frage, welche Spuren das Exil im Werk hinterlassen hat. Zu zeigen ist, dass zum Unterschied von Thomas Manns politischer Einstellung, die pro-amerikanisch war, seine schriftstellerische Praxis nicht nur keine nennenswerten amerikanischen Einwirkungen aufweist, sondern im Gegenteil eine entschiedene Forcierung eines ästhetischen Ideals erkennen lässt, das er schon in der Weimarer Zeit formuliert hatte: die „Europäisierung“ der deutschen Literatur. Den interessantesten Beleg dafür liefert Die vertauschten Köpfe. Eine indische Legende. Diese längste und weitgehend vernachlässigte Erzählung erschließt sich einem tieferen Verständnis erst, wenn man Thomas Manns ausgeprägtes Interesse am französischen Surrealismus und am Werk Jean Cocteaus in die Betrachtung einbezieht. Das neue Element seiner Erzählweise – das im Gegensatz zu den Joseph-Romanen „umschweiflose Draufloserzählen“ – fand seine deutlichste Ausprägung in Das Gesetz, dessen Geist auf eklatante und für Manche anstößige Weise von Voltaire geprägt ist. Somit ist die Indische Legende einem größeren Trend des späten Thomas Mann zuzuschlagen: seiner Hinneigung zur französischen Kultur – ein unterbelichteter Aspekt seines Werks, wie leicht an weiteren Beispielen zu belegen ist.

Die Frage, ob die Exilerfahrung eine Revision seiner literarischen Ausdrucksweise gezeitigt hat, ist also mit einem emphatischen Ja zu beantworten.

  

Prof. Dr. Hans Rudolf Vaget ist emeritierter Professor of German Studies am Smith College (Northampton, Massachusetts). Gastprofessuren an der UC Irvine; Columbia; Princeton; Yale; Universität Hamburg. Mitbegründer der Goethe Society of North America und ihr Präsident 2001-2004; Mitherausgeber der Großen Frankfurter Thomas Mann Ausgabe; Mitherausgeber (2005 – 2013) des wagnerspectrums. Publikationen u.a.: Thomas Mann, der Amerikaner (2011); „Wehvolles Erbe.“ Richard Wagner in Deutschland: Hitler, Knappertsbusch, Mann (2017).

 

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