"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

Schuld und Verwantwortung

Freitag, 24.09.2021, 19-20.30 Uhr

Sektion III: Große Erzählungen zwischen den Jahren 1933 und 1947

Schuld und Verantwortung des Erzählers und der Nebenfiguren in Thomas Manns Doktor Faustus
Barbara Eschenburg (Lübeck)

Nach der Kapitulation Deutschlands und der Offenlegung der Verbrechen der Nationalsozialisten wird die Frage der deutschen Schuld zentral. Thomas Mann bekennt sich selbst in Deutschland und die Deutschen für mitschuldig und erklärt das „gute“ und das „böse“ Deutschland für ein- und dasselbe. Dieser Schuldgedanke ist es bekanntermaßen auch, der zum Leitmotiv des großen Deutschlandromans Doktor Faustus wird. Schwerpunktmäßig wird in diesem Zusammenhang allerdings meist Adrian Leverkühns Schuld betrachtet, die häufig parallel gesetzt wird zur gesamtdeutschen Schuld. Wie aber sieht es aus mit Schuld und Verantwortung der Nebenfiguren und des Erzählers Zeitblom?

Kennzeichnend für die meist reine Beobachterhaltung und Verantwortungslosigkeit dieser Figuren ist nicht nur die Schlussszene der Haupthandlung, in welcher Leverkühn zusammenbricht und sich alle Gäste nach und nach verabschieden. Der Numismatiker bekennt sich sogar wortwörtlich für „gänzlich unzuständig“. Auch andere Gelegenheiten gesellschaftlicher Zusammenkunft belegen die Haltung der „Unzuständigkeit“: etwa die Rolle Zeitbloms gegenüber Ines Institoris oder die Art der Diskussionen im sogenannten „Kridwiß-Kreis“. Verantwortungsübernahme wird hier abgelehnt zugunsten einer voyeuristischen Neugier, die das Geschehen lassen bevorzugt.

Sieht man sich solche Szenen genauer an, kann man die These vertreten, dass es im Doktor Faustus eben nicht nur um die vieldiskutierte Schuld Leverkühns geht, sondern vielmehr auch um die bewusste Verleugnung von Schuld und Verantwortung des Erzählers sowie einiger Nebenfiguren. Dieses Nichteingreifen an zentralen Stellen der Handlung stellt sich dabei als sich wiederholendes Motiv des Romans heraus, welches eine nicht unwesentliche Rolle spielt bei den tragischen Katastrophen.

Der Vortrag fragt nach der Mitschuld im Kontext von Neben- und Rahmenhandlung des Doktor Faustus und schließt damit auch an die Reflexionen über die deutsche Schuld im Nachkriegsdeutschland an.

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
Für einen schnellen Überblick über die Figuren des Romans: http://literaturlexikon.uni-saarland.de/?id=1396
Eine Zusammenfassung unter besonderer Berücksichtigung der Orte und Figuren des Romans bietet etwa: Nathalie Bielfeldt: Doktor Faustus: Handlungen – Orte – Figuren. In: „und was werden die Deutschen sagen??“ Thomas Manns Doktor Faustus. Hrsg. von Thomas Sprecher. Dräger: Lübeck 1997, S. 219-223.

Barbara Eschenburg hat 2020 ihre Dissertation über Thomas Manns Menschlichkeitsbegriff im Kontext russischer Literatur abgeschlossen (erscheint in Kürze innerhalb der Thomas-Mann-Studien-Reihe des Klostermann Verlags). Gegenstand dieser Arbeit war unter anderem der Roman Doktor Faustus. Sie ist im Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die neue Dauerausstellung des Buddenbrookhauses tätig.

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