"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

Arbeit am politischen Mythos

Samstag, 25.09.2021, 10-11.30 Uhr

Sektion III: Große Erzählungen zwischen den Jahren 1933 und 1947

Arbeit am politischen Mythos. Thomas Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder und die amerikanische Exilerfahrung
Prof. Dr. Thomas Pekar (Tokio/Japan)

Was die amerikanische Exilerfahrung für Thomas Mann letztendlich bedeutete, ist vielleicht in seiner Rede, die er 1942 in der Washingtoner Library of Congress über seine so gut wie abgeschlossenen Joseph-Romane hielt, am ersichtlichsten: Am Ende dieser Rede spricht er nämlich davon, dass diese in den USA vollendet worden seien – und zwar „in contact with the American myth”. Dieser Erfahrung des amerikanischen Mythos, bestehend aus Freiheit und Demokratie (von Thomas Mann in dieser Rede als ein „new feeling of humanism“ bezeichnet) sowie auch materiellem Wohlstand, setzte er vor allem mit dem vierten und letzten Band der Joseph-Romane, Joseph der Ernährer, ein literarisches Denkmal.
Damit wird die große Mythengeschichte dieser Romane in einer letzten Wendung manifest politisiert – und diese „Politisierung“ des Mythos wäre wohl gleichberechtigt neben die bekannten Kennzeichnungen wie „Psychologisierung“ und „Humanisierung“ zu setzen, mit denen Thomas Mann selbst und andere seine besondere Umgangsweise mit dem Mythos bzw. der Vielzahl der von ihm aufgerufenen Mythen charakterisiert haben.
Diese Politisierung taucht durchgängig im Roman auf und liegt dem gesamten Romanprojekt zugrunde, so wie es von Thomas Mann in den 1920er Jahren in direkter Gegenstellung zu einem faschistischen Mythoskonzept konzipiert wurde.
In dem geplanten Vortrag soll Thomas Mann Arbeit am politischen Mythos in den Joseph-Romanen unter der doppelten Perspektive von Kontinuität und Neuanfang untersucht werden. Dies soll durch Rückgriffe auf Forschungen sowohl zur politischen Mythologie als auch zur allgemeinen Mythologie nicht zuletzt unter dem Aspekt geschehen, wie sich Thomas Mann mit seinen Romanen in diese übergreifende Geschichte der politischen Mythologie einschreibt.
Eine weitere Fragestellung gilt der Auffälligkeit, dass die Joseph-Romane eine success story sind, im Unterschied zu den meisten anderen Geschichten Manns, die Verfall, Untergang, décadence thematisieren. Die Klärung der Frage nach dem mythologischen Grund für diese Erfolgsorientierung soll den Vortrag beschließen.

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
Blumenberg, Hans: Präfiguration. Arbeit am politischen Mythos, hg. v. Angus Nicholls/Felix Heidenreich, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014.
Vaget, Hans Rudolf: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil, 2. Aufl. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2012.

 

Prof. Dr. Thomas Pekar wurde an der Universität Freiburg mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Robert Musil promoviert und habilitierte sich an der LMU München mit einer Untersuchung über die europäische Japan-Rezeption. Er arbeitete an der Universität Oldenburg, einer südkoreanische Universität und, als DAAD-Lektor, an der Universität Tokyo. Seit 2001 ist er Professor für deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Gakushuin-Universität Tokyo. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Exil- und Kulturkontaktforschung sowie die Literatur der Klassischen Moderne.

 

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