"Es ist doch schön, von Sinnen zu sein!"

Objekte des Exils

Samstag, 25.09.2021, 10-11.30 Uhr

Sektion III: Große Erzählungen zwischen den Jahren 1933 und 1947

Objekte des Exils. Kulturelle Materialität in Thomas Manns Joseph-Romanen
Prof. Dr. Julia Schöll (Braunschweig)

Thomas Manns Joseph und seine Brüder ist nicht nur ein Roman über die alttestamentarische Josephsgeschichte, sondern auch ein Roman über das Erzählen an sich. Unablässig werden hier Geschichten übereinandergeschichtet – ein Vorgang, der in diesem Roman durchaus auch materielle Qualität gewinnt. Seit den 2000er Jahren rückte durch den material turn das Thema „Materialität“ auch in den Literaturwissenschaften in den Fokus. Objekte, so wurde deutlich, stehen niemals für sich, sondern immer in einem kulturellen Kontext, die Dinge der materiellen Welt sind immer schon kulturell, gesellschaftlich und sozial kodierte Dinge.

Dieser kulturellen Kodierung der Objektwelt möchte ich in meinem Vortrag anhand der Romantetralogie Joseph und seine Brüder nachgehen und diese in den Kontext des Exils stellen. Der Roman inszeniert ausführlich, fast ausufernd Dinge, die im Zusammenhang mit Sesshaftigkeit und Migration sowie Heimat und Fremde stehen: etwa die Behausungen und Räume, die das Nomadenleben der Israeliten oder das höfische Leben Ägyptens prägen; die Textilien und Kleider, welche die Identität der Figuren nicht nur spiegeln, sondern diese entscheidend mit konstituieren; oder die menschliche Materialität des Körpers, an der der Prozess der Assimilierung nachvollziehbar wird. Der Blick auf die kulturelle Materialität dieses Romans (oder besser: dieser Romane) wirft somit ein neues Licht auf dessen Klassifizierung als Exilroman. 

Empfehlung für die Vorbereitung der Tagungsteilnehmenden:
Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, herausgegeben im Auftrag der Gesellschaft für Exilforschung. Bd. 31 (2013): Dinge des Exils, hg. v. Doerte Bischoff u. Joachim Schloer.

Heft der Zeitschrift für Germanistik mit dem Schwerpunkt „Literarische Dinge“ (Zeitschrift für Germanistik N.F.XXII, Heft 1 (2012))

Prof. Dr. Julia Schöll hat den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur an der TU Braunschweig inne. Sie wurde promoviert an der Universität Bamberg mit einer Arbeit zu Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder" im Kontext des Exils und publizierte 2013 eine Einführung zu Thomas Mann in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Neben den Texten Thomas Manns forscht sie u.a. zur Literatur und Philosophie des 18. Jahrhunderts und speziell dem Verhältnis von Ethik und Ästhetik in der Zeit um 1800, zur Gegenwartsliteratur und ihren Poetologien, zur Verfilmung von Theatertexten und zur kulturellen Konstruktion von Identität.

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