"Ach ja, das, was man nicht kann, das ist die Kunst."

Call for Papers für Jahrbuch 2021

Die Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft geht bedingt durch die Corona-Pandemie neue Wege. Für das Thomas Mann Jahrbuch 2021 gibt es erstmals einen Call for Papers (CfP als PDF).

 

Thomas Mann und die Krisen der Moderne

Mit Krisen kannte er sich längst aus – mit persönlichen in der eigenen Familie, vor allem aber als Autor zahlreicher Krisensituationen –, als auch Gesellschaft und Kultur der nur oberflächlich ‚goldenen‘ Zwanziger Jahre wiederholt in den Krisenmodus gerieten. Neben den politischen Krisen zu Beginn und am Ende der Weimarer Republik waren dies v.a. wirtschaftliche Krisen: die Inflation seit dem Ersten Weltkrieg, schließlich die Hyperinflation im ‚Krisenjahr‘ 1923 und die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre, die auch in Deutschland Massenarbeitslosigkeit mit sich brachte. Am Anfang dieser Krisenfolge aber steht die gegen Ende des Ersten Weltkriegs sich pandemisch ausbreitende ‚Spanische Grippe‘. Thomas Mann erlebte sie zunächst vom Schreibtisch aus: „In Spanien herrscht, wie die Zeitungen melden, eine neue Epidemie: Anfangs die Symptome der Grippe, die aber rasch in Typhus übergehen. Es gibt viele Todesfälle. –“ (22.IX.18) Als aber Sohn Klaus wenig später mit 40 Grad Fieber daniederliegt, da „fürchten wir uns etwas“, „[d]a es sich leicht auf die Lunge wirft“ (17.X.18). Doch bald nach Klaus‘ Genesung wird die Krankheit für Thomas Mann in erster Linie wieder ein Arbeitsproblem: „Die Kinder“, notiert er im Tagebuch, „haben Grippe-Ferien und stören mich. Es regnet. –“ (26.X.18)

So findet die ‚Spanische Grippe‘ zwar keinen unmittelbaren Niederschlag im literarischen Werk Manns, doch wird das Thema Krankheit und Krise bei ihm literarisch transponiert, ist es doch die Arbeit am Zauberberg, die Mann unmittelbar danach, im Frühjahr 1919, wieder aufnimmt. Mit dem Tuberkulose-Roman entsteht bis 1924 das groß angelegte Gegenstück zur Novelle Der Tod in Venedig, mit der Mann die Choleraepidemie in der Lagunenstadt von 1911, der er sich selbst durch Rückreise nach Deutschland entzog, literarisch verarbeitet hatte. Schon ein Jahrzehnt früher war Hanno Buddenbrook, nach einer Abfolge von Krisen, die den Niedergang von Haus und Firma Buddenbrook strukturierten, an einer Typhus-Infektion gestorben. So markieren Krisen nicht nur Wende- und Umschlagpunkte (und immer wieder auch Endpunkte) im Werk Thomas Manns, auch der hier aufscheinende Konnex von Krankheit und Krise ist in seiner symbolischen Deutbarkeit signifikant – weit über Manns Werk hinaus. Ansgar Nünning hat auf diesen metaphorischen Charakter jeder Rede von Krisen hingewiesen, deren medizinischer Bildspender die „Besonderheiten des Krisenplots“ organisiere: Krisenerzählungen implizieren Handlungsrollen und Verlaufsmuster eines erkrankten Organismus, der eines Arztes und Beobachters bedarf, dessen Symptome diagnostiziert, therapiert und geheilt und deren Ursachen erkannt (und möglichst bekämpft) werden müssen (neben vielen weiteren mit der Krisenmetapher verbundenen Evokationen).[1] Wo sich Krisen folglich als „beobachter- und perspektivenabhängige Sinn- und Bedeutungszuschreibungen“[2] durch die metaphorische ‚Brille‘ eines erkrankten Körpers verstehen lassen, erscheinen Thomas Manns Diagnosen bürgerlicher Kultur vor und nach der Weimarer Republik in neuem Licht, werden einerseits Krankengeschichten als Krisenerzählungen (wie noch Leverkühns Syphilisinfektion im Doktor Faustus oder Rosalie von Tümmlers Krebserkrankung in Die Betrogene), aber auch umgekehrt: Krisenerzählungen (wie etwa Gladius Dei, Das Eisenbahnunglück oder Lotte in Weimar) als ‚Krankengeschichten‘ lesbar.

Der Themenschwerpunkt des Thomas Mann Jahrbuchs 2021 will die mit solchen Krisennarrativen verbundenen Sinn- und Deutungsmuster und ihre Bedingungen und Bedingtheit erkunden und damit das Verständnis von Manns Werk im Kontext von vielfältigen Krisendiskursen vertiefen, mit denen seine literarischen, biographischen und essayistischen Texte auf Kultur und Kontexte ihrer Entstehungszeit beziehbar werden. Angesprochen sind damit zum einen Einzelanalysen zu psychischen, familiären oder Sinn-Krisen, in die etwa Johannes Friedemann, aber auch Thomas Buddenbrook geraten, zur medizinisch-sozialen Krise, wie sie Gustav von Aschenbach in Venedig ereilt, oder zu Krisen von Selbst und Gesellschaft, wie sie beispielhaft in Mario und der Zauberer vor den Augen des Lesers entfaltet werden. Welcher Art sind die jeweils dargestellten Krisen, wer die beteiligten Akteure, und welchen Verlauf nehmen sie? Welche Sinn- und Deutungszuschreibungen verbinden sich mit den in ihnen aufgerufenen Krisendiskursen?

Angesprochen sind damit aber auch übergreifende Beiträge, die Thomas Manns Erzählungen als Krisennarrative – mitsamt ihrer semantischen Funktion und ihrer jeweiligen Zeit- bzw. Kontextbezogenheit – in den Blick nehmen und beispielsweise nach Kontinuitäten von Krisennarrativen jenseits zeithistorischer Umbrüche fragen. Nicht zuletzt sind Beiträge vorstellbar, die Thomas Manns Stellung zu paradigmatischen politischen und geistigen Krisen und Umbrüchen der deutschen Zeitgeschichte vor, während und nach der Weimarer Republik, aber auch der europäischen und interkontinentalen Nachkriegsgeschichte zur Zeit des Kalten Krieges anhand biographischer, brieflicher und essayistischer Zeugnisse reflektieren. Wenn Mann es geradezu für das Schicksal seiner Zeit hält, „in Nöten und Krisen des Übergangs den Weg in neue Welten, neue Ordnungen des Innen und Außen zu finden“ (GW IX, 299), inwiefern wird er dabei selbst – mit zeitdiagnostischem Gespür für Umbrüche und Ansätze zu Neuorientierungen – zu einem Repräsentanten seiner Zeit? Mithilfe der avisierten Beiträge möchten wir hier insgesamt den geistesgeschichtlichen Horizont von Manns Schreiben und Denken neu vermessen, wie ihn – angesichts des deutschen NS-Faschismus und des Holocaust – wohl als erster Arnold Bauer so prägnant mit seinem Buch Thomas Mann und die Krise der bürgerlichen Kultur (1946) formuliert hat.

„Wer von Krise spricht, diagnostiziert Notstand, Zeitknappheit und Handlungsbedarf“, so Henning Grunwald und Manfred Pfister.[3] In diesem Sinne erwarten wir Ihre Beitragsvorschläge zum Thomas Mann Jahrbuch 2021 (im Rahmen eines kurzen Abstracts inkl. Biobibliographie zur Person) bis zum 1.8.2020 an folgende Mailadresse: daniela.martin@thomas-mann-gesellschaft.de
[Abgabetermin für die Beiträge selbst ist der 31.1.2021.] 

[1] Ansgar Nünning: „Grundzüge einer Narratologie der Krise. Wie aus einer Situation ein Plot und eine Krise (konstruiert) werden“, in: Henning Grundwald/Manfred Pfister (Hrsg.): Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen, Diskursstrategien, München: Fink 2007, S. 48-71, hier S. 65.

[2] Ebd., S. 63.

[3] Henning Grundwald/Manfred Pfister: „Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen und Diskursstrategien“, in: Dies. (Hrsg.): Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen, Diskursstrategien, München: Fink 2007, S. 7-20, hier S. 9.

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